NZZ JE 2004. GODINE SANADERA NAJAVIO KAO "FRISHER WIND AUS SPLIT"

14. Januar 2004, Neue Zürcher Zeitung

Frischer Wind aus Split

Wok. (Zagreb) Der neue Ministerpräsident Kroatiens, Ivo Sanader, überrascht Anhänger und Gegner gleichermassen. Der vor 50 Jahren in der Adria-Metropole Split geborene ehemalige Intendant des dortigen Theaters hat seit dem Sieg der von ihm geführten Kroatischen Demokratischen Gemeinschaft (HDZ) in dem während der letzten Jahre von politischer Morosität geprägten Land so etwas wie eine Aufbruchstimmung hervorgerufen. Vor seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten kurz vor Weihnachten hatte er zur Abstützung seiner Minderheitsregierung Allianzen mit Kleinparteien geschmiedet, welche der Partei des Staatsgründers Tudjman kaum jemand zugetraut hätte. So sicherte er sich etwa die Unterstützung der drei serbischen Abgeordneten im Sabor. Im Gegenzug versprach er die vollständige Rückgabe allen Eigentums an die serbischen Vertriebenen.
Geradezu als Charmeoffensive muss Sanaders Teilnahme an der serbisch-orthodoxen Weihnachtsfeier in Zagreb gelten, wo er gemeinsam mit dem neuen Parlamentsvorsitzenden, Vladimir Seks, aufgetaucht war. In der Ära Tudjman waren beide als nationalistische Haudegen aufgetreten. Nun aber will Sanader offensichtlich den Wandel der HDZ beweisen. Bei einem Besuch in Istrien eroberte er sich mit einer Rede in fliessendem Italienisch die Sympathien der lokalen Bevölkerung, die noch zu Tudjmans Zeiten latentem staatlichem Misstrauen ausgesetzt gewesen war. Sanader hatte zuvor die Förderung regionaler Anliegen versprochen und sich damit die Unterstützung des als linksliberal geltenden istrischen Abgeordneten Furio Radin gesichert.
Die während des Studiums in Rom und Innsbruck erworbenen Sprachkenntnisse befähigten den intelligenten und ehrgeizigen Sohn einer gläubigen Arbeiterfamilie zu einer steilen beruflichen und politischen Karriere, die ihn 1993 in den Rang des stellvertretenden Aussenministers führte. Diese Position behielt er mit kurzem Unterbruch bis zur Wahlniederlage des Regimes im Januar 2000. Wenige Monate später sicherte er sich Tudjmans Nachfolge an der Parteispitze. Im Februar 2001 stellte sich der neue HDZ-Chef in seiner Heimatstadt an die Spitze von über 100 000 Demonstranten, die den wegen Kriegsverbrechen angeklagten kroatischen Offizier Mirko Norac als Helden feierten. Der Jubel der nationalistischen Rechten war ihm damals gewiss.
Ein Jahr danach drehte der Wind. Zur Bestätigung im Parteivorsitz musste der lärmige, kurz geschoren auftretende rechte Parteiflügel, der Sanaders Rivalen Pasalic unterstützte, ausgetrickst werden. Dass dieser Kraftakt in den Niederungen der kroatischen Provinz flott über die Bühne ging, hat Sanader seinem alten Weggefährten Branimir Glavas zu verdanken. Hat sich dieser weit rechts aussen stehende ostslawonische Potentat damals auf Sanaders Seite geschlagen, um drohendes Ungemach abzuwenden? Sein Name wird regelmässig in Zusammenhang mit künftigen Anklagen des Uno-Kriegsverbrechertribunals genannt.
Ob Sanader, wie nach seiner Wahl angekündigt, Kroatiens Kooperation mit Den Haag verbessern wird, bleibt abzuwarten. Würde er etwa gar seinen Freund Glavas oder andere alte Kumpel ans Messer liefern? Die dafür nötige Skrupellosigkeit wäre ihm zuzutrauen, lautet das verbreitete Urteil über den lange unterschätzten Politiker, der zweifellos über einen sicheren Machtinstinkt verfügt. Der weltgewandte Kulturliebhaber aus Split, der für seine Partei die politische Mitte beansprucht und sich selbst gerne im gleichen Atemzug mit Berlusconi und Stoiber nennt, versprach seinem Land eine forcierte, vollständige euro-atlantische Integration. An Unterstützung aus Washington wird es nicht mangeln. Dort hat man nicht übersehen, dass er im Unterschied zu seinem Vorgänger Racan für die Nichtauslieferung amerikanischer Bürger an den Internationalen Strafgerichtshof eingetreten war.
Nach Sanaders ersten Kontakten in Brüssel berichten die kroatischen Medien über positive Rückmeldungen. Eine prominente kritische Kolumnistin nannte ihn einen Mann der Toleranz und der guten Stimmung. Der Regierungschef gebietet getreu seinem Versprechen der Entschlackung verkrusteter Strukturen nur noch über 14 statt wie bisher 20 Ministerien. Gleichzeitig hat allerdings die Anzahl von Staatssekretären sprunghaft zugenommen. Ob der frische Wind aus Split die geruhsame und fest gefügte Zagreber Bürokratie wirklich aufzuwühlen vermag? Sanaders unterprivilegierte ländliche HDZ-Klientele mag die ungewohnte Dynamik vielleicht schon bald bereuen - besonders wenn die versprochenen Früchte auf sich warten lassen.
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